Berater-Tagebuch – Episode 2: Sänk ju for träwelling!

Es ist schon erstaunlich, wie viel das Leben doch zu bieten hat. Genaugenommen bekommt man heutzutage von allem viel mehr, als man erwartet. Nehmen wir beispielsweise die Bahn: bei der Bahn bekommt man jede Menge umsonst. So erhält man grundsätzlich mehr Fahrtzeit, als einem von Rechts und des bezahlten Tickets wegen zu stünde.

Oder die längst überfällige, bislang aus persönlichen Gründen immer wieder verschobene Leibesertüchtigung, wenn der Zug mal wieder in umgekehrter Wagenreihung einfährt, was selbstredend erst bei Zugeinfahrt durchgesagt wird und dann nicht nur in ein heilloses Koffer- und Menschendurcheinander ausartet, sondern auch ein gewisses Augenmaß, Erinnerung an die Rechenaufgaben der Unter-Prima und ein Quäntchen Glück erfordert, um sich stante pede den alternativen Gleis-Abschnitt – irgendwo zwischen A und H – zurechtzulegen (am Hamburger Hauptbahnhof liegen übrigens zwischen A und H gefühlte 2,4 Kilometer. Da lohnt sich so eine umgekehrte Wagenreihung für den Humor verwöhnten Bahnansager ganz besonders).

Das allein macht das Bahnfahren jedoch noch nicht zum Erlebnisreisen. Erst durch die Mitreisenden wird ein mehrstündiger Trip zum Großereignis. Da ist zum Beispiel die fröhliche spanische Reisegruppe auf meinem Weg nach München…

Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, ein alt hergebrachtes Vorurteil aufzugreifen:

Der jugendliche Reisende als solcher und im Allgemeinen ist recht gesellig und bedient sich fürderhin eines…will mal sagen vergleichsweise ausgelassenen Kommunikationskonzeptes.

Der gruppeanführende Hippster (Hosenbund unterhalb der Kniekehle, Haare veritabel eingekleistert quer übers Gesicht, Reisekoffer in Schrankgröße lässig diagonal hinter sich her rumpelnd) richtet sich zwischen seinen beiden mitreisenden Chicas direkt hinter meinem Sitz häuslich ein, wickelt Mamas selbstmarinierte Knoblaucholiven aus und drückt entspannt beide Knie von hinten in meine Rückenlehne. Zur Unterstützung der fortschreitenden Partystimmung hängt er sich seinen Kopfhörer um den Hals und dreht den iPod volumentechnisch auf Anschlag, damit die beiden Mädels auch flugs in die – mit Verlaub – Top40-Palma-12Uhrmittags-Dancefloor-Kackophonie mehrstimmig einstimmen können.

„6 Stunden“, denke ich mir. Na dann.

Ich sinke tiefer in den Sitz, ziehe den Reißverschluss meiner Jacke hoch bis zum Kinn, setze mir meinerseits meine – Ohrenschützern nicht unähnlichen – Kopfhörer auf und schaue leicht bräsig aus dem Fenster. Mein Kopf ist völlig leer. Draußen zieht die Magdeburger Börde an mir vorbei. Also, mit anderen Worten: mein Hirn und die Landschaft bilden eine stimmige Symbiose. Und so lasse ich Seele und Augenlider baumeln und entschlummere sanft ins Land der….RUMS!!!

Mit rasendem Herzen hochgeschreckt, blicke ich in ein schokoladenverschmiertes Gesicht, das mich mit nur wenigen Zentimetern Abstand erwartungsfroh angrint und sich dabei mit den klebrigen kleinen Fingerchen zwischen die beiden Lehnen des Nachbarsitzes klemmt. „Sitzt DU hier?“, fragt das pappige kleine Schokomonster blitzgescheit. Und noch bevor ich mir eine gleichsam geistreiche wie kindgerechte Antwort zurechtbasteln kann, kommt er auf uns zugestoffelt: der pädagogisch geschulte Öko-Papa in formlosem, leberwurstfarbenen Outfit, die Schuhe seines Filius‘ in der Hand, seine eigenen bereits über Gebühr gut eingelaufenen Ecco©-Komfort-Sandalen unter den einmal zu oft gestopften Selfmade-Socken verschwindend. „Joshua, die Birte wollte noch mit dir spielen. Das finde ich jetzt echt nicht in Ordnung von dir, dass du da einfach wegläufst.“ (Sie glauben, ich denke mir das aus? Ehrlich Leute….)

Kaum angesagt, schon daddelt Birte hinterher – die Haare wahrlich herzerweichend sonnengolden und schillerlockend kraus, die eine Hand am Teddy, die andere Daumen voran zur Hälfte im Mund, mäht sie wimmernd vor sich hin. Als sie Joshua, den unhöflichen Grobian und Spielverderber erspäht, wächst das eben noch sanft anmutende Gesäusel zu einem ohrenbetäubenden Geplärre an.

Der offensichtlich reichlich überforderte Erzeuger kramt tief in seiner anti-autoritären Trickkiste und versucht zu guter Letzt, das kleine Prinzesschen, das sich mittlerweile wie ein Oktopus auf Speed im Schoß seines Erziehungsberechtigten hin und her wirft, mit Dinkelgebäck ruhig zu stellen.

Erziehungsberechtigt. Als Mensch, der in einem klassischen Familienverbund groß wurde, bin ich nach wie vor der Ansicht, hinter diesem Wort verbergen sich nicht nur -wie das Wort es glauben lässt – Rechte, sondern auch Pflichten. Nämlich zum Beispiel die, klare Grenzen aufzuzeigen. Grenzen, um dem sich entwickelnden, heranwachsenden kleinen Charakter ein Leitwegesystem anzureichen. Eine richtungsweisende Maßnahme, die zum Ausdruck bringt: „Mein Kind, aus mir als Deinem Elternteil spricht nie endende Liebe. Ich empfinde schier unbeschreiblichen Stolz darüber, wie du täglich deine Welt entdeckst und erweiterst. Deine geistige Stärke und dein Wille erfreuen mich und ich werde alles dafür tun, dir den Weg zu ebnen, um weiterhin florieren zu können. Und daher bitte ich um dein volles Vertrauen auf mein stetes Bestreben, das Beste für dich im Sinn zu haben, wenn ich dir jetzt sage: Kind – is‘ gut jetzt!“

Der Dinkel-Papa hingegen guckt mit überlegenem Lächeln durch die Reihen der mittlerweile doch reichlich angenervten Mitreisenden, als müsse der Rest der Welt verstehen, dass Klein-Birte gerade „in dieser Phase ist, die jetzt echt unglaublich wichtig ist für ihre emotionale Entwicklung. Das muss sie jetzt einfach ausleben dürfen“. Im Ruheabteil des ICE nach München. 6 Stunden Fahrtzeit. Ansichtssache.

Die Luft in unserem Teil des Großraumabteils ist mittlerweile geschwängert von Knoblaucholive an Schokojus in Dinkelmantel. Um diesem olfaktorischen Unbill zu entgehen, gedenke ich, meine gustatorischen Fähigkeiten mit einem heißen Milchkaffee auf die Probe zu stellen. Ich schnappe mir meine Handtasche und schlendiere gen Speisewagen.

Mit einem Becher dampfenden Kaffeegetränkes und einem Stück „oder probieren Sie doch unsere Auswahl leckeren Blech-Kuchens“, lasse ich mich im Board Restaurant nieder. Nach kurzer Zeit fokussiert mein linkes Ohr ein Gespräch zwischen ihr (Mitte 30, elegant gekleidet, akkurat geschminkt, mit abgespreiztem kleinen Finger beständig und geräuschvoll im Tee rührend, den Blick starr auf das strudelnde Getränk gerichtet) und ihm (Anfang 40, teure Jeans, dunkelblauer Cashmere-Pulli auf rot-weißem Karo-Hemd, den Blick starr auf die Zeitung gerichtet, die ihn vor seiner Gattin zu schützen scheint).

„Natürlich können wir mit Deinen Eltern nach Sylt fahren. Auch wenn dieses kleine Hotel auf Curacao wirklich ganz hübsch zu sein scheint. Mit dem privaten Strand. Und dem eigenen Wellnessbereich. Aber klar, mit Klaus und Magrit in Kampen ist es ja auch immer ganz nett. Okay, da scheint halt nicht immer die Sonne. Aber Kanaster kann man ja auch drinnen spielen. Muss ja auch nicht immer die blaue Lagune sein….“

Sichtlich genervt lässt er kurz die Zeitung auf den Tisch sinken: „DU hast doch gesagt, du würdest dich freuen, wenn meine Mutter dich besser kennenlernen würde. Und weißt du noch, am 2. Advent? Da saßen wir bei Biggi und Tom und da hast DU gesagt, man müsse mal wieder im Sommer ins Sansibar. Was willst du denn eigentlich?“ Ein verräterisch feuchtes Glitzern zeigt sich in ihren Augen.

“Ohhh-hah”, denke ich mir, “armer Kerl – keine Chance.”

Kurzer Exkurs:

Ich mag es sehr an dieser Zeit, dass Menschen immer mehr dazu bereit sind, praktisch alles für möglich zu halten – selbst die Idee, Mann könne in einem solchen Moment mit logischen Argumenten punkten. Darum an dieser Stelle ein erneuter Versuch meinerseits, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen, denn wie bereits der legendäre Beziehungs-Soziologe Jürgen von der Lippe feststellte:

„Es gibt keine objektive Wahrheit über die Entität Frau. Es ist vielmehr die normative Kraft des Faktischen, die hier schlägt. Beispiel: Sprache. Die Kommunikation von Frauen ist wie Sinologie – die BETONUNG des Wortes entscheidet über seine eigentliche Bedeutung.“

Ich knabbere das letzte Stückchen MITROPA©-Kuchen, schnappe mir meinen Pappbecher und trete den Rückweg an, als wir gerade in den ersten Bahnhof einfahren. Und da höre ich ihn dann – den Satz, der mir bei jeder Bahnfahrt bestätigt, dass es sich weniger um eine simple Reisemöglichkeit, als vielmehr um eine organisierte Live-Satire handelt, die dazu ersonnen und – vermutlich auch – mitgeschnitten wird, um die Aktionäre der Bahn AG trotz permanenter Horrormeldungen bei Laune zu halten:

„Sänk ju for träwelling wis Deutsche Bahn!“